Führungskräfte, MitarbeiterInnen und psychische Belastungen am Arbeitsplatz – Eine Dreiecksbetrachtung

Zwei Studien, durchgeführt im Abstand von 10 Jahren, führen zu den selben Ergebnissen:

Nicht nur MitarbeiterInnen leiden an psychischen Belastungen, auch Führungskräfte im unteren und mittleren Management sind davon betroffen. Sowohl Führungskräfte als auch MitarbeiterInnen benötigen in diesem Fall Hilfe und Unterstützung. Inwieweit Vorgesetzten Hilfe und Unterstützung anbieten, hängt ab von deren Rollenverständnis, ihrem Vermögen die Belastung wahrzunehmen, zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.

Führungskräfte der unteren Managementebene sehen es eher als ihre Aufgabe, ihre MitarbeiterInnen zu unterstützen und Hilfe anzubieten, erleben selbst aber oftmals das Fehlen ebendieser Hilfestellungen. Das Verhalten ihrer Vorgesetzten beeinflusst jedoch ihr Verhalten gegenüber ihren MitarbeiterInnen. Hat eine Führungskraft selbst psychische Belastungen, gibt sie weniger Unterstützung nach unten weiter und verursacht vielmehr Belastungen in den untergebenen Arbeitsbereichen.

Die Aufgabe, Belastungen zu erkennen, wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren beginnt also an der Spitze und setzt sich nach unten fort. Entsprechende Trainingsmaßnahmen sind seitens der Betroffenen erwünscht und zielführend in der Reduktion psychischer Belastungen am Arbeitsplatz.

Bereiche mit der höchsten psychischen Beanspruchung
In den Bereichen Marketing/Vertrieb (40%), Produktion (40%) und Kundencenter/Kundenservice (35%) sind am häufigsten psychisch beanspruchte MitarbeiterInnen mit auffälligem Arbeitsverhalten aufgetreten.

In Dienstleistungsbetrieben sind Angestellte (89%), untere Führungsebene (57%) und mittlere Führungsebene (51%) am stärksten betroffen. In Dienstleistungsbetrieben verteilt sich die Belastung entsprechend auf Marketing/Vertrieb und Kundenservice, also die Kundenschnittstellen.

Ursachen psychischer Beanspruchung
Arbeitsverdichtung und eingeschränkte Handlungsspielräume spielen bei den Angestellten eine Rolle, während „Sandwich-Position“ als Erklärung für die untere und mittlere Führungsebene herangezogen wird.

Als ursächliche Faktoren werden von den Personalmanagern starker Erfolgsdruck (87%) für die Führungskräfte angegeben. Außerdem spielen Zeitdruck (68%), ständige Erreichbarkeit (63%), fehlender Ausgleich in der Freizeit (62%) und Arbeitsverdichtung (59%) eine große Rolle.

Bei den Angestellten spielen nach Meinung der Personalmanager private Belastungen (78%), Konflikte mit Vorgesetzten und KollegInnen (76%), Zeitdruck (70%), Arbeitsverdichtung (63%) und wachsende Angst vor Arbeitsplatzverlust (52%) eine Rolle.

Weitere Belastungen die nach Ansicht der Personalmanager zu psychischer Beanspruchung führen sind die Anzahl zusätzlicher Arbeits-/Sonder- und Projektaufgaben, Restrukturierungen, Unternehmenskultur, unklare Zuständigkeiten, Mobbing/Bossing und Reisetätigkeiten.

Kompetenzen der Führungsebenen
Interessant ist die Feststellung von 3 von 4 Personalmanagern, die meinen, dass Führungskräfte in ihrem Unternehmen nur unzureichend darauf vorbereitet sind, psychische Belastungen zu erkennen.
Die diesbezügliche Kompetenz der MitarbeiterInnen der Personalabteilungen wird von der Mehrheit (66%) wesentlich besser eingeschätzt.

Auf die Frage an die Personalmanager, welche Erwartungen Führungskräfte hätten, wie man sie auf das Erkennen psychischer Beanspruchung bei MitarbeiterInnen vorbereiten könnte, geht Folgendes hervor:

Häufig genannt werden Schulungen durch Experten zur Vermittlung von Grundlagenkenntnissen und Praxisbeispielen. Davon wird eine bessere Kenntnis der Symptome erwartet und damit verbesserte Handlungsdirektiven.

Weiters nennen Personalmanager Gesprächs-/Handlungsleitfäden für Führungskräfte als direkte Praxishilfe für den Umgang mit betroffenen MitarbeiterInnen.

Schwierigkeiten bei Erkennen und Handeln
Führungskräfte haben Schwierigkeiten im konkreten Umgang mit psychisch beanspruchten MitarbeiterInnen, worin sich genau das widerspiegelt, was Führungskräfte bisher an Vorbereitung bzw. Weiterbildungsmaßnahme vermissen. Die mit Abstand größten Schwierigkeiten der Führungskräfte liegen, den Personalmanagern zufolge darin, erstens die psychische Beanspruchung der MitarbeiterInnen zu erkennen und zweitens, zu wissen, wie sie sich in dieser Situation adäquat verhalten sollen.

Die Personalmanager diagnostizieren bei sich selbst die Schwierigkeit bei der Erkennung der psychischen Beanspruchung, jedoch weniger beim Umgang damit.

Warnsignale
Welche Warnsignale sollte eine Führungskraft nun zum Anlass nehmen, den Mitarbeiter/die Mitarbeiterin auf eventuelle psychische Beanspruchung anzusprechen? 87% der befragten Personalmanager nennen Veränderungen im Sozialverhalten, 84% Veränderungen des körperlichen Gesundheitszustandes (Migräne, Rückenprobleme…), 80% Veränderungen im Arbeitsverhalten und 76% der Arbeitsleistung.

Hier können Sie den Artikel in der Langfassung als .pdf downloaden:

Führungskräfte, MitarbeiterInnen und psychische Belastungen am Arbeitsplatz – Eine Dreiecksbetrachtung.

Schwierigkeiten, im Erkennen von psychischen Belastungen? Dann lesen Sie auch meinen Artikel “Psychische Ressourcen und Belastungen am Arbeitsplatz”, oder nehmen Sie mit mir Kontakt auf.

Quellen:
Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V. (Hrsg.): Psychische Beanspruchung von Mitarbeitern und Führungskräften. Düsseldorf 2011
Karen M., Hopkins: Manager Intervention with Troubled Supervisors: Help and Support Start at the Top; in: Management Communication Quarterly 2001; Sage 2001;